ArchivAus Alt mach neu -
Fast 40 Jahre sind die Wagen der Baureihen F74 bis F 79 jetzt im
Dauereinsatz, normalerweise ist das ein Alter, in dem sie aufs
Abstellgleis gefahren werden. Nicht so die 182 U-Bahnwagen der BVG.
Statt zur Schrottpresse rollen die sukzessive in die Hauptwerkstatt
Seestraße in Berlin-Wedding zur "Ertüchtigung" – und verlassen die
Werkhallen als fast neuwertige Fahrzeuge, die die nächsten 20 Jahre
wieder im Einsatz sein können.
Sigrid Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb
der BVG: "Als vor fast 40 Jahren auf der U9 die ersten von der
Berliner Firma Ohrenstein und Koppel gebauten U-Bahnzüge dieser
baugleichen Serien fuhren, ernteten sie zurecht große Bewunderung –
passten sie doch in Design und Technik hervorragend in die Zeit.
Übrigens waren sie auch Vorreiter in Sachen Energiesparen, denn
Ende der 70er-Jahre wurden bei den Zügen der Serie F 79 erste
Versuche durchgeführt, beim Bremsen Energie zurück ins Netz
einzuspeisen. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit, aber vor
über drei Jahrzehnten war das eine kleine Sensation."
Der erste F74-Doppeltriebwagen kam 2010 in die Werkstatt, jetzt
wurde auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz das "Ergebnis" präsentiert.
Aus alt mach neu – getreu des Mottos sind die neuen F74er fast
nicht mehr wiederzuerkennen. Geblieben ist nur die äußere Form,
ansonsten ist so ziemlich jede Schraube und jedes Bauteil
ausgebaut, überarbeitet oder ausgetauscht worden.
Außen glänzen die Fahrzeuge jetzt auch wieder im Verkehrsgelb der
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), und auch im Inneren bzw. unter dem
Rahmen hat sich eine ganze Menge getan:
Freundliche Farben herrschen im Wageninneren vor, auch die
Haltestangen leuchten in gut sichtbarem Gelb, die Sitze sind im
Nachtliniendekor gehalten und an der Decke sorgen energiesparende
Leuchtbänder für helles und angenehmes Licht.
Durch den Ausbau einer Sitzbank hat jetzt jeder Doppeltriebwagen
ein Mehrzweckabteil für Gepäck, Fahrräder und als Stellfläche für
Rollstuhlfahrer.
Die grauen Türgriffe wurden durch grüne Drucktaster ersetzt. Per
Tastendruck können die Türen jetzt auch einzeln von innen
geschlossen werden, die Taster sind mit Brailleschrift
beschriftet.
Weitestgehend wurden die Wünsche der Fahrgastverbände sowie der
Behinderten- und Blindenverbände bei der Modernisierung
berücksichtigt.
Im Fahrerraum wurden bei den zahlreichen Änderungen auch Wünsche
der Fahrerinnen und Fahrer aufgegriffen. Anzeigenelemente und
Leuchttaster sind neu, die Heizung schafft jetzt 50 Prozent mehr
Leistung und der neue Schwingsitz und elektrische Fensterheber
bieten weiteren Komfort für den anstrengenden Fahrdienst im
Tunnel.
Auch unter der "Haube" hat die Elektronik Einzug gehalten. Dank ihr
können die Züge sanfter anfahren und bremsen, die Beschleunigung
ist deutlich verbessert, was sich bei kurzen Taktfolgen im
Linienverkehr bewährt. Gleichzeitig unterstützen Computer den
Fahrer bei einer entspannten und ruckfreien Fahrweise. Ganze
Bauteilgruppen, wie der Hauptschalter, die Starkstromverkabelung,
die 110-Bordnetzversorgung und die Stromabnehmerbalken sind
komplett ausgetauscht worden.
Seit Januar waren die "Ertüchtigten" in der Praxis-Erprobung.
Angefangen mit der Isolationsprüfung aller Stromkreise über die
Heizungsprüfung bei Außentemperaturen um minus 25 Grad bis hin zu
umfangreichen Beschleunigungs- und Bremsmessfahrten kam jedes
Bauteil auf den Prüfstand. Da durch die lange Dauer des
Ertüchtigungsprogramms, das Programm läuft bis 2019, in den
kommenden Jahren auch neue und alte Wagen im Verkehr zusammen
eingesetzt werden, mussten auch die Fahreigenschaften im Zugverband
getestet und messtechnisch untersucht werden. Am Ende der
umfangreichen Prozeduren stand dann das Okay vom Betriebsleiter und
der technischen Aufsichtsbehörde für die beiden Wagen sowie in
Folge für die Serienfertigung und damit der Einsatz auf der
Strecke.
Die Gesamtprojektkosten sind mit 77,5 Millionen Euro kalkuliert,
wovon 12,5 Millionen über Sonderfinanzierungsmittel aus
umgewandelten S-Bahn-Mitteln des Landes Berlin finanziert
werden.
Geprüft wurde dabei vor allem, ob sich die Ertüchtigung wirklich
rechnet. "Wir schauen da sehr genau hin" so Dr. Sigrid Evelyn
Nikutta, bei der Vorstellung der ersten beiden ertüchtigten F74er
auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz. "Für eine Ertüchtigung dürfen 35
Prozent der Neubeschaffungskosten nicht überschritten werden und
Wagenkästen und Drehgestelle müssen noch so gut in Schuss sein,
dass gewährleistet ist, dass sie noch weitere 20 Jahre durchhalten.
Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, stehen bei uns alle
Signale auf Grün." Im Fall der 182 F74/76/79-U-Bahnwagen gab die
externe unabhängige Schweißtechnische Versuchs- und Lehranstalt
Berlin/Brandenburg die benötigte, positive Expertise über
Wagen-kästen und Drehgestelle ab.
Auch der Staatssekretär in der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung und Umweltschutz zeigte sich überzeugt vom Nutzen
der Ertüchtigung: "Von der Fahrzeugertüchtigung profitieren alle.
Der Berliner Steuerzahler, weil er Geld spart, und die BVG, weil
sie ihr entsprechendes Know-How einsetzen kann. Den größten Gewinn
aber haben natürlich die Fahrgäste, denn sie bekommen neue und
komfortablere Fahrzeuge, die für die nächsten 20 Jahre die ohnehin
hohe Qualität im Nahverkehr sichern."
In den Werkstätten in der Seestraße befinden sich zurzeit weitere
13 F74-Fahrzeuge in der Ertüchtigung.
Meldung vom 30.08.2012
Fahrplanauskunft
Die BVG ist Mitglied im Kommunalen Arbeitgeberverband Berlin (KAV Berlin)
