»Jo Gerner hat mich populär gemacht«

»Jo Gerner hat mich populär gemacht«

»Jo Gerner hat mich populär gemacht«
© Oliver Lang

Seit 28 Jahren ist der Berliner Schauspieler Wolfgang Bahro bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ Deutschlands bekanntester Fernseh-Bösewicht.

 Es ist seine Paraderolle: Seit bald 30 Jahren ist Wolfgang Bahro von Montag bis Freitag um 19.40 Uhr in der Rolle des Jo Gerner in der erfolgreichen RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zu sehen. Daneben feiert der Schauspieler aber auch im Theater Erfolge. Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag ist nun seine Biografie „Immer wieder Gerner“ erschienen, in der er auf seine Karriere vor der Kamera und auf der Theaterbühne zurückblickt. Auf TVNOW ist darüber hinaus mit „Keinen haben wir Gerner – Happy Birthday Wolfgang Bahro!“ eine Doku über ihn zu sehen. 
 

 Sie sind vor wenigen Wochen 60 Jahre alt geworden – was bedeutet Ihnen diese Zahl?

 Ich fühle mich überhaupt nicht wie ein Sechzigjähriger, sondern eher wie ein etwas angegrauter Dreißigjähriger. Aber es ist halt nun mal so. Im ersten Moment hat man einen kleinen Schreck, aber ich denke, das legt sich. 

  

War der runde Geburtstag der Grund, einen Biografie zu schreiben?

 Nein, das war so ursprünglich nicht geplant. Die Idee zum Buch hatte der Verlag. Der hatte mich schon vor einem Jahr gefragt, aber weil ich sehr viel zu tun hatte mit Drehs für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und Theater-Proben, beschlossen mein Co-Autor Andreas Kurtz und ich, dass wir das Buch zu meinem 60. Geburtstag erscheinen lassen. 

  

Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

 In erster Linie für Fans. Für Leute, die sich für mich interessieren, aber auch für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Wobei man nicht unbedingt ein Fan der Serie sein muss, um das Buch zu verstehen oder daran Spaß zu haben. Ich berichte aus meinem Berufsleben, und da gibt es sicherlich auch einige schöne Geschichten, die für Fans interessant sind, die mich aus dem Theater oder anderen Projekten kennen. 

  

Es geht vor allem um den Schauspieler Wolfgang Bahro. Wer den tiefen Einblick in ihr Privatleben erwartet, der wird vermutlich etwas enttäuscht werden.

 Über meine Kindheit und Jugend erfährt man einiges im Buch. Zu meinem jetzigen Privat- leben gibt es ein paar Anekdoten, zum Beispiel, wie es mir einmal gelungen ist, meinen Sohn zu beeindrucken, was als Vater besonders schwer ist. Oder wie ich mit meiner Frau in Hongkong eine kleine Auseinandersetzung hatte ... Der Fokus des Buches liegt aber tatsächlich auf meiner Arbeit, den Geschichten, die mir im Theater passierten oder vor – und hinter – der Kamera. 

  

Ein Stück weit – das verrät schon der Titel – ist es auch eine „Gerner-Biografie.

 Die meisten Leute kennen mich einfach nur als Jo Gerner. Ich werde manchmal auch auf der Straße so angesprochen. Die Menschen verbinden mich mit dieser Rolle, so, wie Götz George Schimanski genannt wurde. Oder so, wie Horst Tappert immer Derrick war. Ich fühle mich zwar nicht so gut, wenn man mich mit Dr. Gerner anspricht. Aber ich kann es verstehen, da mich die Menschen in erster Linie aus dem Fernsehen kennen und die Figur eine sehr große Popularität hat. Und sie hat auch mich populär gemacht. 

  

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie als Kind Super-Schurken entworfen haben. Ist dann mit Gerner ein Traum in Erfüllung gegangen?

 Nicht wirklich. (lacht) Die Super-Schurken, die ich damals als Kind verehrte, wie Fantomas, die waren ja noch einen Zacken schärfer und böser, als es Jo Gerner ist. Der kann zwar fies sein, inzwischen ist er aber nicht mehr so schlimm wie früher. Durch seine Frau Yvonne, die er nicht enttäuschen will, hat er sich sehr zurückgenommen. Wenn es nach mir geht, darf er in Zukunft wieder ein bisschen böser werden. 

  

Als Sie das Angebot bekamen, bei GZSZ mitzuspielen, waren Sie da sofort an Bord?

 Als mich meine Agentin damals fragte, habe ich dankend abgelehnt. Ich hatte die ersten Folgen gesehen und fand es ganz unterirdisch. Das lag daran, dass das zwar alles sehr gut aussehende, bildschöne Menschen waren, aber meistens Models, die keine Ahnung von der Schauspielerei hatten. Das merkte man, und das wollte ich mir nicht antun. Ich fühlte mich völlig fehl am Platz. Meine Agentin bekniete mich, wenigstens zum Casting zu gehen. Als ich die Zusage bekam, dachte ich mir, dass ich das ja mal zwei Monate mitmachen könnte, so viele Zuschauer würde es ja nicht haben und ich könnte mehr Fernseherfahrung sammeln für richtig große, gute Rollen. Dass aus diesen zwei Monaten jetzt schon fast 30 Jahre geworden sind, das hätte ich mir damals nicht träumen lassen. 

  

Mittlerweile sind Sie der dienstälteste Schauspieler in der Serie.

 Das ist eine große Ehre und eine große Verantwortung. Viele junge Kollegen kommen zu mir und fragen mich um Rat. Ich helfe gerne weiter, so, wie mich selbst damals Frank-Thomas Mende unterstützt hatte. 

  

An einer Stelle im Buch schreiben Sie, dass Sie beruflich auf keinen Fall eine Beamtenlaufbahn mit Pensionsberechtigung gereizt habe. Nach 28 Jahren GZSZ haben Sie eigentlich exakt das doch erreicht?

 Das stimmt. (lacht) Ich gehe allerdings nicht jeden Morgen ins Büro, sondern ans Set, an dem jeder Tag anders ist. Natürlich hatte ich auch mal überlegt, ob ich die Serie nicht verlassen will, wenn ich zum Beispiel den Eindruck hatte, dass die Geschichten drohten, meine Figur kaputtzumachen. Aber dann gibt es wieder neue Geschichten, neue Kolleginnen und Kollegen, neue Technik, die Art und Weise, wie wir spielen, hat sich verändert ... Es ist nie gleich geblieben. 

  

Die Serie hat sich seit den Anfängen zwischen wackelnden Papp-Wänden qualitativ deutlich gesteigert.

 Im Laufe der Zeit haben sich immer wieder Produzenten und Schauspieler und jedes einzelne Gewerk hinterfragt und neu erfunden. Das war wirklich eine tolle Erfahrung. Wenn man sich die ersten Folgen anguckt aus den 1990ern und aktuelle, da liegen wirklich Welten dazwischen. Wir gehören jetzt zur Prime Time und können mit jeder anderen Fernsehserie mithalten. 

  

Ihre Rolle als Jo Gerner hat sich auch entwickelt in 28 Jahren. Sie haben schon gesagt, sie sei etwas weicher geworden.

 Ich nehme das als neue Farbe wahr. Ohne zu viel zu verraten kann ich aber sagen, dass er in der Auseinandersetzung mit Felix Lehmann wieder zu alter Höchstform aufsteigen wird. Gerner hat nie Leute platt gemacht, nur weil er niederträchtig war. Sondern weil die ihm vorher in irgendeiner Weise etwas angetan haben. Ob dabei die Mittel immer verhältnismäßig waren, ist natürlich eine andere Frage. Wenn ihn jemand angerempelt hat, hat er mit einer Kanone zurückgeschossen (lacht).

  

Wir treffen uns heute in der U-Bahn. Würde denn Jo Gerner U-Bahn fahren?

 Es gibt eine legendäre Szene, in der er nach einem Missverständnis seiner Frau Yvonne in die U-Bahn hinterherrennt. Im Bademantel, ohne Schlüssel, ohne alles. Als er in der Bahn steht, ist sie schon wieder weg, aber ein Kontrolleur kommt ... Ich selber fahre sehr gerne U-Bahn, besonders wenn ich zum Beispiel einen Termin in Mitte habe. Da lasse ich das Auto am nächsten U-Bahnhof stehen und fahre öffentlich. Wir haben ein sehr gut ausgebautes System in Berlin, das muss man nutzen. 

  

Sie sagen, dass Sie es mittlerweile als Ehre empfinden, Volksschauspieler zu sein. Das heißt, Sie haben damit auch mal gehadert?

 Na ja, ich wollte auch immer hoch hinaus und wie ein Ulrich Tukur fürs Kino drehen, große Theaterstücke spielen ... Aber ich habe da viel von Wolfgang Gruner gelernt, mit dem ich sehr lange bei den Stachelschweinen spielen durfte. Der war ein klassischer Volksschauspieler. Wenn ihn Leute auf der Straße angesprochen haben, hat er sich ganz zwanglos und ohne Berührungsängste mit ihnen unterhalten. Bekannt bei vielen Menschen sein, Rollen für die große Masse spielen und dabei nahbar sein und nicht im Elfenbeinturm – auf diese Art bin ich sehr gerne Volksschauspieler. 

  

Sie haben nie den Fehler gemacht, den man bei Schauspielern und Schauspielerinnen erfolgreicher Serien immer wieder erlebt: Am Höhepunkt aussteigen, weil man glaubt, auch ohne die Serie erfolgreich sein zu können. Sie haben ein Erfolgs-Produkt, eine Erfolgs-Rolle, und wären töricht, diese aufzugeben.

 Ich bin ein großer Fan der US-Serie „Modern Family, habe gerade die zehnte Staffel angeschaut. Da sind alle noch dabei, niemand ist ausgestiegen oder wurde ausgetauscht. Die haben alle brav das Ding durchgezogen. Das ist toll, weil das der Zuschauer liebt. Und für die Schauspieler war es karrieretechnisch natürlich auch die richtige Entscheidung. Ich habe mir immer gesagt: So lange ich keine Probleme mit der Serie habe und auch die Möglichkeit, daneben Theater zu spielen oder für eine andere Rolle vor der Kamera zu stehen, bleibe ich dabei.

  

Es gibt Schauspieler, die nur am Theater spielen. Oder nur in Film und Fernsehen.

 Ich mach alles, was mit diesem Beruf zu tun hat. Das macht ihn ja so wunderbar! Ich drehe gerne, ich stehe aber auch gerne auf einer Kabarett-Bühne. Ich probiere alles aus. Ich spreche auch wahnsinnig gerne Hörspiele. Der Beruf ist vielseitig, das liebe ich, du kannst unheimlich viele Sachen machen, und ich will sie alle mitnehmen. 

  

Sie sind mit 17 in ihrem ersten Film aufgetreten. War das immer Ihr Berufswunsch?

 Nicht bis zu diesem Zeitpunkt. Ich war eher unorientiert. Als der Sender Freies Berlin damals für einen Fernsehfilm junge Leute suchte, sind mein Schulfreund Christian und ich aus Blödsinn einfach mal hingegangen. Ich bekam eine Szene, in der ich ein Mädchen küssen musste. Allerdings hatte ich noch nicht so viel Erfahrung. (lacht) Also dachte ich mir, ich nutze die Gelegenheit und lege mal so richtig los. Anscheinend war das so überzeugend, dass ich die Rolle bekam. 

  

Sie haben aber dann doch ein Studium begonnen.

 Mein Vater wollte nicht, dass ich Schauspieler werde. Deshalb habe ich Psychologie, Deutsch und Theaterwissenschaften studiert. Parallel ging ich aber auf eine private Schauspielschule und spielte schließlich abends auch noch Theater. Das wurde mir dann aber zu viel und ich beendete das Studium.

  

In Ihrem Buch bezeichnen Sie sich selbst mittlerweile als leicht altersmilde, aber trotzdem nicht verklärt. Auf was schauen Sie denn mit so einer gewissen Altersmilde?

 Ich rege mich über Sachen nicht mehr so schnell auf, über die ich mich vielleicht vor 20 oder 30 Jahren noch aufgeregt hätte. Das macht einerseits eine gewisse Altersmilde, das kommt aber auch durch die Freimaurerei. Durch sie habe ich gelernt, bestimmte Dinge erstmal zu hinterfragen. Warum ist das so? Weshalb handelt die Person jetzt so? Ist er nur doof oder gibt es da vielleicht ein Problem? Das Problem liegt vielleicht auf einer ganz anderen Ebene, vielleicht kann er nicht oder will nicht. Dadurch bin ich ein bisschen „moderater“ geworden.

  

In sieben Jahren erreichen Sie die Regelaltersgrenze. Dann könnten Sie 35 Jahre „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ feiern.

 Also, wenn mich RTL feiern lässt und wenn mich die Zuschauer so lange noch sehen wollen, dann gerne. (lacht) 

 

Interview: David Rollik