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„Freiheit ist schnell verloren“

Meldung aus dem Archiv vom 18.10.2018

„Freiheit ist schnell verloren“

„Freiheit ist schnell verloren“
© Andreas Süß

Das wird der Herbst von Christian Berkel: Im Kino ist er ab 15. November in der Komödie „Was uns nicht umbringt“ von Sandra  Nettelbeck zu sehen, im ZDF startet einen Tag später die mittlerweile 13. Staffel der Erfolgsserie „Der Kriminalist“, deren Hauptrolle der 60-Jährige spielt - und bereits Mitte Oktober veröffentlichte der gebürtige Berliner Christian Berkel seinen Debütroman „Der Apfelbaum“. Wir haben mit ihm über Buch und Serie gesprochen.

Seit wann hat Sie Ihre Familiengeschichte beschäftigt?
Das hat sehr früh angefangen, in dem Moment, in dem ich sehr jung begriffen habe, dass es eine jüdische Geschichte in meiner Familie gibt. Meine Mutter hatte mit dieser erkennbar Schwierigkeiten, anderseits gab es auch eine Idealisierung - das war ein echtes Mischmasch und emotional sehr schwer zu durchdringen. Ich merkte, wie stark meine Mutter auch psychisch noch unter der Geschichte litt, wie wenig man darüber sprechen konnte. Ich selbst bekam ein eigenes Identitätsproblem mit dem Deutschsein und versuchte, davor wegzulaufen. Ich lebte eine Zeit lang in Frankreich, wollte Franzose werden. Irgendwann kam dann eine Phase, in der ich anfing, intensiver über die Familiengeschichte nachzudenken, Teile manchmal Freunden zu erzählen. Da merkte ich, wie stark sie auf die Geschichte reagierten und dass das offenbar nicht nur mit mir zu tun hatte, es ist nicht nur mein eigenes Thema oder Problem war. Da begann ich, mich sehr intensiv damit zu beschäftigen. Denn ich finde nichts langweiliger, als wenn jemand meint, seine eigene Geschichte der ganzen Welt mitteilen zu müssen und vielleicht interessiert es die Welt gar nicht. Es muss immer über die eigene Person hinausweisen. Es muss für andere interessant sein.

Sie begannen mit Ihren Recherchen vor bald zehn Jahren.
Ich fand durch Zufall den Nachlass meines Großvaters an der Akademie der Künste und begann, mich schrittweise in der Geschichte zurückzuarbeiten. Ich habe Monate mit dem Nachlass verbracht, dazu kamen historische Bücher und Dokumentationen, persönliche Erzählungen und Reisen an die Stationen meiner Großeltern und Eltern. Richtig zu schreiben fing ich 2013 an.

War Ihnen sofort klar, wie Sie die Geschichte erzählen wollen?
Ich merkte relativ bald, dass es ein Irrtum ist zu glauben, dass sich die Geschichte praktisch von alleine erzählt, wenn man die vermeintlichen Hauptfiguren gut kennt. Ich fragte mich, was ich eigentlich erzählen will neben den ganzen Fakten. Am meisten faszinierte mich dieses ungleiche Liebespaar, meine Eltern Sala und Otto, zwei Menschen aus zwei völlig verschiedenen biografischen Räumen, die sich aber massiv anziehen, mit allen Schwierigkeiten, mit allen Differenzen, und die trotz aller Verschiedenheiten nie voneinander lassen können. Ich merkte auf einmal, dass das meine Geschichte ist.

Sala und Otto sind dreizehn und siebzehn Jahre alt, als sie sich 1932 in Berlin ineinander verlieben. Er stammt aus der Arbeiterklasse, sie aus einer intellektuellen jüdischen Familie. 1938 flieht Sala zu ihrer jüdischen Tante nach Paris, bis die Deutschen in Frankreich einmarschieren. Während Otto als Sanitätsarzt mit der Wehrmacht in den Krieg zieht, wird Sala bei einem Fluchtversuch verraten und in einem Lager in den Pyrenäen interniert. Zurück in Deutschland taucht sie unter. Kurz vor Kriegsende gerät Otto in russische Gefangenschaft, aus der er 1950 in das zerstörte Berlin kommt. Sala führt ihre Odyssee bis nach Buenos Aires. Dort versucht sie, sich ein neues Leben aufzubauen, scheitert und kehrt zurück. Zehn Jahre lang haben sie einander nicht gesehen. Dann sieht Sala Ottos Namen im Telefonbuch.

Sie fügen verschiedene Erzählebenen, Erinnerungen, Gespräche, Fiktion, Ich-Perspektive, zusammen.
Am Anfang hatte ich die Idee, die Geschichte ganz einfach chronologisch als Romanhandlung zu erzählen. Aber es gibt schon einige dieser Geschichten. Ich hatte auch das Bedürfnis, etwas Eigenes, etwas Neues hinzuzufügen. Was heißt das eigentlich für meine Generation oder auch für nachfolgende Generationen? Was hat es denn eigentlich mit mir gemacht? Und warum erzähle ich es überhaupt? Damit war ich als Person im Grunde automatisch drin. Dadurch entstand auch die Idee, dass ich meine Mutter besuche und mit ihr spreche. Ich wollte eher assoziativ erzählen, so, wie wir es oft tun, wenn wir uns unterhalten.

Hat Sie die Auseinandersetzung mit Ihrer Familiengeschichte verändert?
Ich glaube ja. Ohne, dass ich es bewusst angestrebt habe, war es eine große Befreiung. Viele Fragen, denen ich mich da in der Fantasie stelle, haben mich ständig umgetrieben, haben mich beschäftigt, ohne dass ich wirklich herankam. Das hatte auch mit Widerständen zu tun. Für mich war das die wichtigste Lektion: Wenn man sich so vehement gegen etwas wehrt, dann hat es viel mit einem zu tun. Dann erzählt es viel über einen selbst. Dann ist da je etwas, das man entweder schützen will, also wo man sich schützen will, oder etwas anderes, was man nicht wissen will, es kann alles mögliche sein, aber auf jeden Fall ist es interessant, was sich dahinter versteckt.

Aber man geht das Risiko ein, etwas zu finden, was man vielleicht nicht wissen wollte.
Auf jeden Fall. Aber wenn jemand etwas wirklich nicht wissen will, dann wird er nicht drangehen. Ich bin überhaupt kein Freund von irgendeinem Offenbarungszwang. Wenn jemand an bestimmte Sachen nicht ran will, dann wird das seine Gründe haben, und es muss nicht sein, dass ihm diese Gründe bekannt sind. Im Gegenteil: Je weniger sie ihm bekannt sind, desto ernster muss man seine Weigerung eigentlich nehmen. Es kann durchaus auch ein sinnvoller Schutz sein. Vielleicht spürt er unbewusst, ich werde da etwas erfahren, was ich vielleicht nicht aushalte, was mir zu viel ist. Aber wenn ich spüre, ich will es doch eigentlich wissen, dann werde ich es wahrscheinlich auch aushalten, egal was da kommt. Wenn man es sich genau überlegt -was soll denn schon so Fürchterliches rauskommen?

Manche Nachkommen von Verbrechern der Nazizeit sind daran zerbrochen.
Das stimmt. Aber ich habe einmal vor sehr vielen Jahren in München eine Veranstaltung besucht, die hieß „Kinder der Täter, Kinder der Opfer“, geleitet von einem Psychologen, der ganz bewusst in Dachau seine Praxis hatte und sich sehr stark mit dieser Vergangenheit auseinandersetzte. Eine Teilnehmerin erzählte, dass sie mit ungefähr 20 erfahren hatte, dass ihr geliebter Vater eine relativ düstere Figur war als SS-Mann. Und sie ist offenbar fast daran zerbrochen, für die ist eine Welt zusammengebrochen, denn sie hat ihren Vater geliebt. Auf einmal kam ihr das Ganze wahrscheinlich wie eine Lüge vor, sie musste mit dem Konflikt leben, dass es möglich war, dass der Vater ein geliebter Vater war, aber zugleich das andere. Die Auseinandersetzung war aber offenbar so stark und so gelungen auch, dass sie stark daran gewachsen war als Person. Ich glaube fest daran, wenn solche Geschichten in der Familie drin sind, positiv oder negativ, das spürt der Mensch einfach. Er kann es vielleicht nicht benennen. Aber es macht was mit ihm, wenn er sein ganzes Leben daran vorbeilebt. Und das wollte ich also auf keinen Fall.

Für wen ist das Buch? Für jemanden, der mehr über Ihre Familie erfahren will? Oder über die Zeit?
Als Leser gehe ich mit der Erwartung an ein Buch heran, dass es immer verschiedene Ebenen gibt, auf denen ich mich dem Buch nähern kann. Es ist dann meine Entscheidung oder hat mit meiner Entscheidung zu tun, von welcher Ebene ich mich hingezogen fühle. Ein bisschen enttäuscht bin ich immer, wenn eine Sache zu eindimensional ist, man ein Buch nur auf einer Ebene lesen kann. Dann ist es schnell nur ein Konsumieren. Lesen heißt ja, das ich in Welten reinkomme, die mir zum Teil vertraut sind und die ich zum Teil erst kennenlerne. Das ist mein Anspruch als Leser und insofern war es natürlich auch mein Anspruch als Autor.

Ihr Buch sollte man lesen, weil …
… ich glaube, dass es eine sehr ungewöhnliche Liebesgeschichte ist. Und weil vieles an dieser Geschichte so schicksalhaft wirkt, so unausweichlich, wie wir es oft in unserem Leben empfinden. Plötzlich merkt man, auch da, wo es in die Katastrophe geht, gibt es immer einen Weg raus. Das Ganze in einem historischen Kontext über drei Generationen. Es ist eine große Lebensgeschichte, die an vielen Enden eigentlich fürchterlich enden könnte und dann doch nicht fürchterlich endet, gerade noch so die Kurve kriegt.

Gerade mit Blick auf den historischen Kontext kann man aus Ihrem Buch auch Lehren für die heutige Zeit ziehen.
Freiheit zu erobern dauert sehr lange und ist sehr mühsam. Freiheit zu verlieren, geht ganz schnell und ist nicht schwer. Da muss man nur an ein paar Stellen die richtigen Fehler machen und dann ist sie weg. Wir sind im Moment an einem Punkt in der Gesellschaft, wo wir ganz wach sein müssen.

Mitte November startet die neue Staffel Ihrer ZDF-Serie „Der Kriminalist“. Was macht den Erfolg der Serie aus? Seit 2006 erzielen Sie mit Ihrer Rolle als Kommissar Bruno Schumann Millionen-Einschaltquoten am Freitagabend.
Man muss als Schauspieler ein erzählerisches Anliegen haben. Und nicht das machen, was alle anderen schon machen. Bruno Schumann definiert sich über seine Arbeit, die Fälle stehen im Vordergrund. Er redet nicht permanent über sein Privatleben, er definiert sich nicht darüber, welches Auto er fährt, er wechselt nicht andauernd seine Klamotten. Er ist nicht so aufdringlich. Das waren alles Sachen, die mich bei Formaten, die ich kannte, störten. Wenn das über einen langen Zeitraum laufen soll, dann möchte ich dem Zuschauer die Möglichkeit geben, die Figur kennenzulernen. So wie eine gute Freundschaft ja auch nicht unbedingt in fünf Minuten entsteht, sondern langsam wächst. Wenn man dem Zuschauer alles um die Ohren haut, dann hat er überhaupt keinen Spaß mehr am Entdecken. Ich dachte, da ist weniger einfach mehr. Und mit der Zeit scheint es sein Publikum gefunden zu haben und zu funktionieren.

Da mussten Sie vermutlich erst Überzeugungsarbeit leisten.
Wir hatten am Anfang die Herausforderung, dass das vielleicht ein paar Leuten zu ungewöhnlich sein wird und dass die erst einmal zurückzucken. Da braucht man an seiner Seite einen Sender und eine Produktion, die sagen: Wir halten das auch aus. Wir haben den Atem dafür, weil wir überzeugt sind. Weil es uns gefällt. Sonst schafft man das nicht. Und das Glück hatte ich, sowohl mit dem Sender, als auch mit der Produzentin Claudia Schneider. Da haben Leute an einem Strang gezogen gesagt: Wir finden das gut so.

Wie ist denn die Entwicklung Ihrer Figur über die zwölf Jahre?
Die Figur war am Anfang regelrecht verschlossen, auch seinen Kollegen gegenüber. Er lässt niemanden an sein Privatleben heran. Da ist etwas düster in der Figur. Aber das macht mich als Zuschauer neugierig, oft sind die stillen Wasser ja tiefer als die anderen. Schumann hat sich aber über die Jahre schrittweise geöffnet. Man sieht ihn jetzt auch mal plötzlich einfach loslachen oder mit den anderen Bier trinken gehen. Man merkt, dass da eine Sehnsucht ist, aber gleichzeitig auch eine Scheu, wirklich loszulassen und das wirklich zu leben.

Manche wollen ja keine Serien drehen, weil sie glauben, dass sie dann festgelegt sind auf eine Rolle.
Da habe ich natürlich aufgepasst. Einerseits hatte ich den Vorteil, dass ich bis dahin schon einiges gemacht hatte, also nicht so sehr Angst hatte, dass man mich jetzt nur noch als den „Kriminalisten“ sehen wird. Aber mir war klar, wenn ich das das ganze Jahr mache, dann habe ich keine Zeit mehr für andere Projekte und dann wird relativ schnell der Zeitpunkt kommen, wo man mich doch nur noch so sieht. Und deshalb habe ich gleich am Anfang gesagt: Mehr als acht Folgen im Jahr möchte ich auf gar keinen Fall machen, und ich möchte auch nicht mehr als die Hälfte des Jahres damit verbringen. Das wurde akzeptiert und das passte auch gut zum Rhythmus des Senders.

Auch im Kino sind Sie in diesem Herbst zu sehen.„Was uns nicht umbringt“ heißt der Film. Worum geht es?
Das ist ein schöner Film von Sandra Nettelbeck, die ich sehr schätze, sowohl als Regisseurin als auch als Autorin. Es geht um Menschen wie du und ich im Alter um die 50. Alle in der Mitte des Lebens und mit der berühmten Midlife-Crisis beschäftigt. Jeder reagiert anders darauf und versucht, durch sein Leben zu kommen. Obwohl es auch sehr dramatische Momente gibt, ist es mit einer großen Leichtigkeit und einer großen Herzenswärme erzählt. Man liebt die Figuren manchmal in ihrer Merkwürdigkeit, in ihrer Schrulligkeit. Im Mittelpunkt steht ein Therapeut, mit dem alle irgendwie zu tun haben. Auch ich, ich spiele einen Bestattungsunternehmer, der sein Unternehmen zusammen mit seiner Schwester führt. Er glaubt, er habe überhaupt kein Problem, seine Schwester sieht das aber anders.

Sie drehen Filme und Fernsehserien, national wie international, sind nicht auf eins festgelegt. Ist das ein Privileg?
Es ist natürlich ein Glück. Man kann das nicht erzwingen. Manche Sachen kamen zu mir, auf manche Sachen habe ich mich zubewegt. Ich habe mich nie etwas grundsätzlich verschlossen, Serien zum Beispiel. Serie ist die fernseh-genuinste Form des Erzählens. Für mich im Fernsehen viel interessanter als der 90-Minüter, weil man dessen Stoff auch im Kino erzählen kann. Mittlerweile hat sich das Blatt gedreht, und alle finden Serien toll. Als ich mit dem „Kriminalist“ begann, war das noch anders. Aber als ich damals merkte, dass ich da ein bisschen eigenen Spielraum habe, mich einbringen kann, wenn ich eine Idee haben - das ist doch wunderbar und spannend. Manche meinten, ich kenne doch die Drehbücher gar nicht. Denen habe ich gesagt: Ich kenne mein Leben im Voraus übrigens auch nicht. Also ich weiß auch nicht, was nächstes Jahr ist. Und soll ich jetzt aufhören zu leben, weil es eventuell nicht gut wird? Ich weiß es doch nicht.

„Der Kriminalist“ hat natürlich auch den Vorteil: Sie können zu Hause drehen.
Das ist ein entscheidender Vorteil. Wenn das Angebot gekommen wäre, zum Beispiel in München oder Hamburg zu drehen, und es wäre nicht denkbar gewesen, dass die gesamte Familie mitkommt und ich also ein halbes Jahr komplett weg gewesen wäre, dann hätte ich es nicht gemacht. Aber nicht nur aus so einer pädagogischen Überlegung heraus und um ein guter Vater sein zu wollen – mir hätte die Familie einfach furchtbar gefehlt.

In jeder Folge ist sehr viel Berlin zu sehen.
Das ist sehr der Produzentin Claudia Schneider geschuldet, die von Anfang an gesagt hat: Du bist der Hauptdarsteller, und der zweite Hauptdarsteller ist die Stadt. Da war ich sofort Feuer und Flamme. Weil die Stadt einfach unglaublich spannend ist und so viele Gegensätze in sich birgt. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert. Ich habe eigentlich meine eigene Stadt durch die Serie erst so richtig kennen gelernt, weil wir hier ja wirklich überall drehen.

Fester Bestandteil ist auch die BVG.
Unser Kommissariat ist direkt am Kottbusser Tor. Aus einem Fenster in der Küche sieht man auf den U-Bahnhof. Beim Dreh der ersten Folge haben wir oft gewartet, bis eine U-Bahn vorbeifuhr. Weil das ist auch Berlin, Berlin ist BVG. Ich fand die BVG immer cool. Als Kind waren für mich die Doppeldecker das tollste. Da musste man natürlich nach oben. Und die Coolen saßen nicht in der ersten Reihe, sondern hinten in der letzten Reihe.

Interview: David Rollik

Meldung aus dem Archiv vom 18.10.2018