„An Berlin mag ich fast alles“

„An Berlin mag ich fast alles“

„An Berlin mag ich fast alles“
© Philipp Hezoucky

Aus der Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ kennt sie natürlich jeder. Caroline Peters zählt aber vor allem zu den renommiertesten Theaterschauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Seit 15 Jahren ist sie Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater, einer der wichtigsten europäischen Bühnen. Mit dem Stück „Hotel Strindberg“ von Simon Stone wurde sie im vergangenen Jahr von den Kritikern der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum zweiten Mal zur „Schauspielerin des Jahres“ gewählt, auch den österreichischen Schauspielpreis „Nestroy“ bekam sie dafür. Am 5. Mai eröffnet Caroline Peters mit dem Stück das 56. Theatertreffen in Berlin. PLUS traf sie zum Gespräch im Erzherzogzimmer des Burgtheaters.

Sie spielen seit 15 Jahren am Burgtheater. Was bedeutet es Ihnen, an dieser Bühne zu sein?
In meinem Beruf existieren kaum so lange Bindungen, da ist es natürlich toll, dass ich immer wieder hierhin zurückkommen kann. Das Burgtheater steht für mich für Kontinuität. Dass man kontinuierlich mit tollen Kollegen und immer den besten Regisseuren der Saison arbeiten kann, weil ja nur die Crème de la Crème eingeladen wird. Das ist sehr besonders.

Nach so langer Zeit wird es also nicht nur zum Arbeitsplatz.
Es ist schon mehr als nur ein Arbeitsplatz. Ganz am Anfang habe ich das Burgtheater als großen Druck empfunden, die pure Größe, den ganzen Marmor. Und in den Garderoben hängen die Fotos von den Stars und die Totenmasken der unsterblichen Schauspieler aus dem 19. Jahrhundert. Das war ein unangenehmer Druck von Tradition und Altertum, zu denen ich gar keine Beziehung hatte. Ich hatte die meiste Zeit davor mit dem Regisseur René Pollesch im Prater der Volksbühne Berlin gearbeitet, das war das Gegenteil von Tradition und Geschichte. Deshalb empfand ich das am Burgtheater zunächst als lästig, aber das war natürlich Quatsch, man kann ja trotzdem etwas Eigenes und Neues machen, muss nicht so arbeiten wie vor 100 Jahren. Aber es ist gut zu wissen, was die gemacht haben.

Sie kennen mittlerweile vermutlich jede Ecke hier.
Ich nehme immer noch gerne an Burgtheater-Führungen teil. Es gibt einen ganz tollen Herrn, der macht Führungen durch den Keller, die Katakomben und den Burggarten. Er zeigt die Belüftungsanlage, die den Rosenduft aus dem Burggarten ansaugt, oder wo sich Kaiser Franz Josef und Schauspielerin Katharina Schratt getroffen haben zum heimlichen Stelldichein. Mich damit zu beschäftigen ist wahnsinnig toll. Das ist dann wirklich interessanter als kleine Stadttheater, die entweder nach dem Krieg neu aufgebaut wurden oder eben nie so glamouröse Herren hatten wie Kaiser Franz Josef.

Der Schriftsteller Thomas Bernhard hatte sich über den Ruf der Burgschauspieler, praktisch unantastbar zu sein, lustig gemacht. Wie ist es heute?
Er meint ja das Burgtheater vor Claus Peymann, vor den 1980er Jahren. Das habe ich selbst nie kennengelernt, als ich anfing war das schon 15 Jahre vorbei. Damals gab es Schauspieler, die waren 40, 50 oder 60 Jahre im Ensemble. Das war eine Zeit, in der das Ensemble einen Theater-Begriff aus dem 19. Jahrhundert verteidigte, man es als Aufgabe empfand, irgendetwas nachzuspielen, was jemand mal 1830 erfunden hatte. Ich habe mich immer gewehrt, diese Art Schauspieler zu sein. Aber natürlich sind die Zeitabläufe am Burgtheater eindeutig andere. Dass viele Leute so lange bleiben, auch dass ich seit 15 Jahren hier regelmäßig arbeite, wäre in Deutschland - außer an der Volksbühne - nicht vorstellbar. Da wäre ich mal acht Jahre in Köln gewesen, dann hätte man fünf Jahre am Thalia gespielt und sechs Jahre in München.

Das Wiener Publikum geht mit einer anderen Selbstverständlichkeit ins Theater als zum Beispiel das Berliner.
In Berlin musst du inzwischen Youtube- oder Instagram-Star sein, um das Haus voll zu bekommen. Das ist in Wien völlig anders. Es gibt zig Konzerthallen und Opernhäuser und die sind alle jeden Abend voll. Man geht einfach irgendwo hin abends und guckt sich ein klassisches Kulturgut an.

Hat sich das Publikum verändert, seit Sie 1995 an der Schaubühne Berlin begonnen haben?
Zu Beginn meines Berufslebens am Theater war es noch sehr üblich, dass man das Stück vorher im Reclam-Heft gelesen haben musste und mit dem Heft im Zuschauerraum sitzen und mitlesen und sich dann empört darüber streiten, ob man den Satz hätte streichen dürfen oder nicht. Das machen die Zuschauer heute nicht mehr so, die sind es total gewöhnt, dass es neue Texte gibt. Da gibt es eine größere Offenheit, das finde ich sehr schön.

Theater ist mehr Arbeit, als sich bei Netflix berieseln zu lassen.
Ja gut, ein guter Kinofilm aber auch. Ich glaube, deshalb gehen viele Leute auch immer nur in dasselbe Theater, weil dann guckst du dich ein in dessen Stil, es gibt eine starke künstlerische Handschrift und man muss sich nicht so reindenken. Das kann ich nachvollziehen, aber es ist natürlich schade. Theater ist einfach mehr Aufwand. Du musst stillsitzen, du musst die Karten vorher besorgen. Und dann ist das in einem plüschigen alten Rahmen, da darfst du keine Stauballergie haben. Das gefällt eben nicht jedem. Auch wenn ich mir sehr wünsche, dass das jedem gefallen würde.

Wie würden Sie denn jemanden überzeugen, heute ins Theater zu gehen?
Ich sage gerne: Wenn du nur in der Schule ins Theater gegangen bist, weil der Lehrer gesagt hat, wir haben jetzt „Emilia Galotti“ durchgenommen und da müssen wir jetzt rein, dann hast du das Schlechteste vom Allerschlechten erlebt. Das ist so, als hättest du die schlechteste Netflix-Serie deines Lebens angeguckt und danach sagst du: Ich gucke nie wieder Netflix. Es gibt hundert Millionen Arten, mit dem Theater in Kontakt zu kommen, und dein Schullehrer in den 80er Jahren hat ganz sicher eine schlechte Wahl getroffen. Das darf aber nicht dein Maßstab sein. Leute, die nur in der Schule im Theater waren, haben oft die Sorge, dass sie nichts verstehen, weil sie das so von 80er-Jahre-Deutschlehrern beigebracht bekommen haben. Die Frage „Was will uns der Künstler damit sagen?“ stellen wir uns als Künstler gar nicht.

Sondern?
Wir wollen uns mitteilen. Und jeder Zuschauer kann für sich beurteilen, ob sich der Künstler ihm mitteilt oder nicht. Aber dieser komische Ansatz im Denken, dass da auf der Bühne etwas stattfindet und du als Zuschauer musst schlauer sein als die, die das gemacht haben, um das dann bewerten und einordnen können … Den Genuss kann man da nur finden, wenn man ein ziemlicher Honk ist. Deshalb: Geh doch einfach mal ein paar Mal rein, wie bei einer Serie auch. Du guckst dir ja erstmal drei, vier Folgen an, bist du merkst, ob du es dir gefällt. Und dann bleibst du dabei. Oder du denkst, nee, ich finde das fürchterlich und lässt es. So ist es im Theater auch. Erst gehst du drei, vier Mal auf gut Glück irgendwo hin, auch wenn es dir nicht gefällt. Du darfst immer auch rausgehen. Und dann überlegt man sich, was man gut findet, und dann abonniert man das für sich selber.

Aber man sollte wenigstens bis zur Pause warten, wenn man geht, oder?
Nein, finde ich wirklich nicht. Die Zuschauer gestalten den Abend mit. Es entsteht eine unerträglich schlechte Stimmung, wenn Leute etwas wirklich hassen, das auf der Bühne stattfindet. Mit dieser stecken sie die anderen an. Oder das empörte Sich-Umgucken, weil jemand lacht, weil er es lustig findet und der andere findet es überhaupt nicht - das ist viel schwerer zu ertragen für alle Beteiligten, als Leute, die ehrlich sage „Das ist überhaupt nichts für mich, was Ihr hier macht und ich bin raus“. Man muss aber nicht laut schimpfend den Leuten auf die Füße treten und Türen schlagend rausgehen, es muss nicht jeder im Saal mitkriegen. Im Burgtheater gab es früher die Tradition, dass man, wenn man es einem wirklich nicht passte, durch die Gänge des großen Zuschauerraums nach vorne ging und sein Programmheft auf die Rampe legte, bevor man den Saal verließ. Man zog den gesamten Fokus von 1200 Zuschauern auf sich, um zu zeigen: Mir hat es nicht gefallen. Das ist sehr eitel vom Zuschauer. Das kann man auch unauffälliger gestalten.

Sie bekamen mit 13 Ihr erstes Theater-Abonnement.
Meine Eltern waren große Theater-Fans und sind viel ins Theater gegangen. Man wurde schon mit acht oder neun dorthin geschleppt und es wurde einem mitgeteilt, dass das irgendwie etwas Normales ist. Insofern war das nichts, was mir fern lag wie etwa Hunderennen. Es kam einfach in unserem Leben vor. Und da habe ich mir einfach mit 13 dieses Abonnement gewünscht, weil ich es toll fand, regelmäßig ins Theater zu gehen und alles zu sehen, was es gibt.

Da waren Sie dann wahrscheinlich die Jüngste.
Absolut. Man hat als Abonnent immer denselben Platz, und vor mir saß ein Rentner, mit dem habe ich in der Pause immer eine Cola getrunken und wir sprachen über das Stück. Aber es war auf jeden Fall mega uncool. Also in der Schule konnte man damit keine Punkte machen. Aber ich fand es wahnsinnig aufregend und interessant als Kind und Jugendliche. Und am aufregendsten war für mich im Theater, und das ist es auch immer noch, dass es live ist. Im Kino war ich dann so mit 16, 17, wenn man ein depressiver, schlecht gelaunter Teenager wird, da war das dann viel attraktiver, weil man nachmittags schon hinkonnte und dann alleine in seinem Weltschmerz versunken in so einem dunklen Saal saß. Um einen herum war niemand und man konnte sich in all diesen schrecklichen Gefühlen, die man als Teenager hat, viel mehr baden und sich darin suhlen. Im Theater zeigt man sich, um einen herum sind andere Leute und es ist ein ganzer Abend und nicht nur du und der Kunstgenuss. Das fand ich dann zunehmend uninteressant als Teenager.

Das hat Sie aber nicht abgehalten, sich später bei Schauspielschulen zu bewerben.
Sechs haben mich abgelehnt, die siebte hat mich genommen. Da denke ich schon manchmal: Ja, man kann auch ohne die beste Ausbildung an der besten Hochschule des Landes ziemlich weit kommen. (lacht) Habe ich halt nicht eurem Geschmack entsprochen, das nützt euch nichts, ihr könnt es nicht bestimmen.

Sie eröffnen mit „Hotel Strindberg“ das 56. Berliner Theatertreffen. Was bedeutet es, ausgewählt zu sein mit einem Stück?
Es ist bereits eine starke Auszeichnung, wenn man eingeladen wird, noch mehr, wenn man es eröffnet, weil wahnsinnig viel Kollegen kommen, vor denen man sich und das Stück präsentiert. Mich freut das sehr, weil ich das Stück selber sehr liebe. Und weil man in Berlin erwartet, dass alle sagen „Haben wir ja eh alles schon besser gesehen und wir wissen eh alles besser“, bin ich dann gerne mit einem Stück dort, das ich richtig super finde und mir denke, es ist mir egal, wie ihr das findet, ich finde es spitze! (lacht) Das hat man ja nicht immer. Das Theatertreffen an sich ist aber auch toll, das sind zehn Inszenierungen, die eine Jury ausgewählt hat, die durchs ganze Land gereist ist um zu schauen, welche sie in Berlin zeigen will. In Berlin etwas zu zeigen ist cool, weil das natürlich nach wie vor die kulturelle Hauptstadt ist. Ich muss auch immer noch an die Historie des Theatertreffens denken, das in den Zeiten des geteilten Deutschlands und Berlins, abgeschnitten vom Rest der Republik, kulturell eine Brücke nach Westdeutschland schlug.
 
Ist denn das Theatertreffen eine gute Möglichkeit, Theater kennenzulernen?
Ich finde ja, weil man sieht, was es so alles gibt in Deutschland. Es macht Spaß, auf so ein Festival zu gehen. Es gibt eine andere Atmosphäre als bei einem normalen Theaterabend, es ist spannend für einen normalen Zuschauer, weil es bei allen Beteiligten einfach mehr Aufregung gibt. Wobei - vielleicht ist es auch abstoßend, weil es als Insider-Veranstaltung rüberkommt. Und das ist ja der Grund, weshalb manche eine Hemmung haben, weil man das Gefühl hat, das Theater gehört zu einer Art von Gruppierung, zu der man selbst nicht gehört. Das will ich durchbrechen. Umso mehr freue mich inzwischen über Zuschauer, die die Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ super finden und dann im Theater in der Kantine plötzlich vor einem stehen und sagen: „Ich habe gelesen, dass Sie Theater spielen, und dann bin ich einfach mal hingegangen.“ Insofern sollte man es versuchen beim Theatertreffen, aber sich nicht davon abschrecken lassen.

Vor dem ersten Besuch im Burgtheater hatte ich tatsächlich ein wenig Hemmungen.
Ja, die gibt es. Weil man nicht weiß, ob das Publikum so eine Art In-Circle ist. Aber man muss sie überwinden und sich auch nicht fragen, ob man da nun alles versteht. Mir geht das auch beim Kino so. Ich hasse es, wenn man mit Leuten ins Kino will und die sagen, sie wissen gar nicht, was das für ein Film ist - und dann schauen sie sich vorher 200 Trailer an. Ich gehe doch in einen Film, gerade weil ich nicht weiß, was er für einer ist. Ich will Neues sehen und nichts, das ich schon kenne. Dafür kann ich ja Fernsehserien gucken.

Wobei es auch auf der Burgtheater-Website Trailer zu den Stücken gibt.
Weil das mittlerweile auch beim Theater ganz viele Leute so machen. Die gucken einen Trailer an und überlegen dann, ob sie das Stück sehen wollen. Da komme ich nicht mit, das ist mir irgendwie zu blöd.

Wenn Sie Theater spielen, dann lieber zeitgenössische oder klassische Inszenierungen?
Ich spiele lieber zeitgenössische Stücke. Dass das für mich immer mehr in den Vordergrund rückt, ist für mich ein großer Segen. Weil mit der Kultur der letzten 40, 50 Jahre, dass man einen bestimmten Kanon an klassischen Stoffen wieder und wieder spielt und jeder Regisseur es als seine Aufgabe sieht, seine eigene Interpretation zu zeigen, auch mal Schluss sein muss. Auch mit dem Gedanken, dass man bei jedem Stück, das 2000 Jahre alt ist oder 500 Jahre oder 300, behaupten muss, dass es universell ist und uns heute immer noch genau so viel sagt wie dem Zuschauer im Mittelalter. Wenn das immer noch so wäre, wäre das ehrlich gesagt ein ganz schöner Alptraum. Warum muss ich ein altes Stück unglaublich bearbeiten, damit es irgendwie in die Jetzt-Zeit passt, warum kann ich das nicht entweder historisch aufführen, weil mich interessiert, wie früher gedacht wurde, oder einfach was Neues schreiben, weil es mich interessiert, wie jetzt gedacht wird? Da widerspreche ich vielen anderen Leuten im Theater, aber ich guck nicht gerne einmal im Jahr „Hamlet“ oder den „Sommernachtstraum“ oder „Emilia Galotti“. Das habe ich doch vor vier Jahren erst gesehen, und nun muss ich das schon wieder angucken? So toll viele Stücke auch sind - das kann doch nicht euer Ernst sein. Wenn der Haupt-Charakterzug von Theater sein soll, dass man immer die gleichen 20 Sachen neu interpretiert, dann ist das für mich wirklich grauenvoll.

Ein getanzter „Faust“ hätte mir einmal fast das Theater verleidet.
Ja, und hätte da nicht „Faust“ drüber gestanden, wäre es vielleicht super gewesen.

Zeitgenössisches Theater stellt man sich ernst und bedeutungsschwanger vor.
Es gibt Komödien, es gibt Tragödien, es gibt aber auch bei den modernen Texten viel, was einfach dazwischen ist, wo nachgedacht wird und man trotzdem immer wieder lachen kann. In den Stücken von Simon Stone, „Hotel Strindberg“ oder „Medea“, gibt es Szenen, bei denen man wahnsinnig lachen muss. Aber es sind selbstverständlich vollkommen ernste Verhandlungen, die darin geführt und Gedanken, die verbreitet werden, die nicht nur zum Vergnügen existieren. Auf eine Nur-Komödie, bei der ich von vornherein weiß, hier geht es um nichts und ich soll mich nur unterhalten, habe ich meistens keine Lust mehr, da fühle ich mich so bevormundet. Das ist dann so wie „Faust“ getanzt.

Eindeutig komisch war Ihre Serie „Mord mit Aussicht“. Mit der Serie werden Sie immer noch sehr positiv verbunden, obwohl es sie seit fünf Jahren nicht mehr gibt.
Es gibt sie schon längst nicht mehr, aber sie hat immer noch einen eigenen Status und ich bin irgendwie stolz darauf. Wir hatten damit einen Nerv getroffen, ich fand es auch selbst richtig gut. Manchmal denke ich, vielleicht ist es auch deshalb so beliebt, weil man auf dem Höhepunkt ausgestiegen ist und nicht an einem Zeitpunkt, an dem die Leute sagen: „Echt, das guckst du noch? Läuft das immer noch, echt?“ Das ist vielleicht gut, dass man diesen traurigen Tod des allgemeinen Kulturguts nicht erleben musste.

Lässt sich eine Serienhauptrolle überhaupt gut mit Theaterengagements vereinen?
Das ging bei „Mord mit Aussicht“ nur abwechselnd mit dem Theater. Wir waren wirklich weit draußen auf dem Land in der Eifel. Da kannst du nicht abends mal schnell nach Wien fliegen und eine Vorstellung spielen. Ich habe diesen Wechsel genossen. Zwischen den Staffeln gab es lange Pausen, in denen ich Theater gespielt habe. Zwischen den Genres wechseln zu können, war wirklich herrlich. Es wurde dadurch nicht alltäglich, sondern es blieb etwas Aufregendes und Neues.

Sehen Sie sich als Theaterschauspielerin, die auch für Film und Fernsehen dreht?
Ich versuche eher, den Begriff „Schauspielerin“ zu leben. Hier in Österreich ist man nicht das eine oder das andere. Alle machen alles, auch ganz namhafte Filmschauspieler spielen im Sommer Sommertheater in Orten, von denen wir noch nie gehört haben. Hier werden die Grenzen nicht so eng gezogen und ich genieße das sehr. In Deutschland habe ich das Gefühl, dass man sich entscheiden muss, ob man ein komischer Schauspieler aus dem Fernsehen oder ein ernsthafter Filmschauspieler ist. Dann darf man auch im Theater einen großen Erfolg gehabt haben, aber dann muss man eigentlich aufgehört haben mit dem Theater. Ich finde das schwierig. Mir gefallen alle Genres.

Neben Ihrem Beruf als Schauspielerin verkaufen Sie nun auch Postkarten.
Mein Partner und ich haben einen Verlag für Kunst-Postkarten gegründet. Es gibt mittlerweile alles in modernen Varianten, selbst Filterkaffee, nur Postkarten sehen immer noch genauso bescheuert aus wie in meiner Jugend. Weil wir große Postkarten-Fans sind und gerne Postkarten schreiben, aber nie welche finden, die uns gefallen, wollten wir die Postkarte „neu erfinden“. Die Postkarte 2.0 sozusagen, mit einem stylischen Motiv, das man sich gerne anguckt, die man sich vielleicht auch zuhause hinstellt. Warum nicht auch ab und zu mal mit deiner Handschrift jemandem was schicken statt immer nur einen Text per Smartphone, der in Nullkommanix da ist. Warum nicht auch mal wieder diese Zeitkapsel darstellen, wo du eine Karte bekommst und denkst „Da hat jemand vor zwei Wochen an mich gedacht und jetzt ist es hierhergekommen, das ist ja toll.“

Den Menschen, die nur noch in Emoticons denken, geben Sie auch textlich Hilfestellung.
Es kommen viele junge Leute in den Laden, die kennen die Postkarte tatsächlich kaum noch. Denen muss man ein bisschen erklären, was das ist, und während man es erklärt, hacken die zehn Sachen in ihren Instagram-Account oder was weiß ich was, und dann fragen sie: Was soll ich denn auf so eine Karte schreiben? Die haben gerade 20 Nachrichten geschrieben, aber wissen nicht, was sie handschriftlich auf eine Postkarte schreiben sollen. Deshalb haben wir ein Stehpult, aus dessen Schublade man Texte entnehmen und einfach abschreiben kann, falls einem wirklich nichts einfällt. Das machen die meisten Leute dann aber nicht, sondern lachen darüber, was da für Lügengeschichten erfunden werden, und erfinden lieber selber welche.

Sie leben in Wien. Nun ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Österreichern nicht immer einfach. Merken Sie das?
Ich habe lange Zeit hier nur gearbeitet und trotzdem in Berlin gelebt. Seit drei Jahren wohnen wir richtig in Wien und sind nur noch zu Besuch in Berlin. Das war schon noch einmal eine große Umstellung. Man wird plötzlich zum Auslands-Deutschen. Vorher ist man Berliner, der viel hier arbeitet, aber wenn man hier wohnt, ist man plötzlich ein Deutscher, der nicht mehr in seinem Land lebt. Das ist noch mal eine andere Rolle, die Menschen reagieren anders darauf: Du bist nicht nur zu Besuch, Du willst anscheinend hierbleiben? Wie lange willst Du denn bleiben? Und nimmst Du uns dann was weg? In Berlin habe ich noch nie jemanden darüber diskutieren hören, ob das Sinn macht, dass Sophie Rois ein so großer Star an der Volksbühne ist, obwohl die doch aus Österreich kommt. In Wien wird man aber einmal pro Woche mit der Frage konfrontiert, ob das Sinn macht, dass hier so viele Deutsche am Burgtheater engagiert sind. Ich kann die Frage gar nicht verstehen.

Etwas haben Sie ja gewissermaßen doch den Österreichern „weggenommen“, nämlich den wichtigsten österreichischen Theaterpreis „Nestroy“, den Sie für „Hotel Strindberg“ bekommen haben im vergangenen Jahr.
Das war wirklich eine schöne Auszeichnung, weil ich das Gefühl hatte, damit bin ich hier so tatsächlich aufgenommen, dass man mit dem Preis also sagt, du gehörst hier hin.

Was mögen Sie an Berlin?
Bis auf den zunehmenden Verkehr und den eisigen Wind im Winter mag ich eigentlich fast alles. Ich habe dort sehr lange gelebt, bin mit 23 dahin gekommen und vor drei Jahren das erste Mal wieder weggezogen. Ich empfinde Berlin als meine Heimat. Was ich am Anfang wirklich wahnsinnig geliebt habe, war die Weite, dass man so wahnsinnig viel Platz hat in der Stadt. Ich bin in Köln aufgewachsen, da ist alles mini-sized. Dieses Gefühl von Platz, Platz, Platz war für mich der größte Kick. Der hört dann irgendwann auf, weil er sich im Alltag natürlich auch in entsetzlichen Entfernungen niederschlägt, die einen total abnerven. Ich finde auch viele Berliner angenehm, also so richtige echte Berliner, die immer mit einem unerschütterlichen Joke auf den Lippen den ganzen wahnsinnigen Veränderungen  gegenüber stehen.

Die Stadt verändert sich ständig.
In den 20 Jahren, in denen ich dort gelebt habe, ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Kein Jahr konntest du Weihnachten sagen, dass die Stadt noch wie vor einem Jahr ist. In der ganzen Zeit, in der ich da war, gab es keine Kontinuität, immer nur Wachstum und Veränderung. Was natürlich wahnsinnig aufregend, aber auch aufreibend ist. Es ist das Tolle an Berlin und auch das Ätzende. Weil es selbstredend viel einfacher ist, wenn Sachen auch einfach mal so sind, wie sie sind, und dann bleiben die mal die nächsten 25 Jahre so.

Sind Sie mit der BVG durch die Stadt gefahren?
Ja, praktisch nur. Ich hatte erst ganz am Ende meiner Berliner Zeit ein Auto. Ich war sehr lange BVG- und Fahrradmensch. Ich meine ja, dass man ganz eindeutig zu bestimmten Linien gehört. Dass es Linien gibt, die man aushält und andere, die man gar nicht aushält. Ich bin sehr oft umgezogen in Berlin und am Ende bin ich nur noch in den Bereichen der Linien, in denen ich mich aufhalten möchte, umgezogen (lacht). Meine Linie war immer die U2. Mit der fuhr ich zum Zoo und dann mit dem Bus weiter zur Schaubühne. Irgendwann wollte ich dann so viel wie möglich über Tage fahren, um so viel wie möglich von der Stadt zu sehen. Wobei das mit der U2 ja auch möglich ist. Die U2 hat tolle Stationen, den Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz zum Beispiel. Und die Linie ist mit Erich Kästner verbunden, am Nollendorfplatz musste ich immer an Gustav mit der Hupe denken. Sensationell ist auch der 100er Bus. Das ist eine Spitzen-Linie. Und es stimmt auch nicht, dass die Berliner Busfahrer einen aktiv demütigen wollen, das wird ja gerne besprochen unter Berlinern. Ob man einen Busfahrer hatte, der extra durch die Pfütze gefahren ist, weil du da gestanden hast. Meine Erfahrung ist, dass es die nicht gibt. Dass sie eher lustig sind und etwas Nettes sagen.

Interview: David Rollik

Zur Person: Die Schauspielerin Caroline Peters
Schon während ihres letzten Studienjahres wird Caroline Peters an die Berliner Schaubühne engagiert. Es folgen Engagements auf allen wichtigen deutschsprachigen Bühnen. Sie spielt an den Schauspielhäusern Hamburg, Köln und Zürich, an der Berliner Volksbühne sowie am Burgtheater in Wien, an dem sie seit 2004 Ensemblemitglied ist. Das Feuilleton schätzt ihr besonderes und genaues Spiel, mit dem sie sich in ihren Rollen ausdrucksstark zwischen den Genres bewegt. Ihre temporeichen, präsenten und klugen Abbilder menschlicher Motive machen sie zu einer gefragten Schauspielerin für Film und Theater und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis, dem Bayerischen Fernsehpreis und dem Ulrich-Wildgruber-Preis. Im Jahr 2016 erhielt Caroline Peters den Deutschen Schauspielerpreis und wurde von der renommierten Fachzeitschrift „Theater heute“ zur „Theaterschauspielerin des Jahres“ gewählt. Diese Auszeichnung erhielt sie 2018 erneut, zudem den renommierten Nestroy-Preis.