„Ich war schon immer laut“

„Ich war schon immer laut“

„Ich war schon immer laut“
© Oliver Lang
Er ist längst kein Geheimtipp mehr: Edin Hasanović, der in Bosnien geboren wurde und in Berlin aufwuchs, wollte schon als Kind Schauspieler werden und stand als 13-Jähriger das erste Mal vor der Kamera. Das Multitalent überzeugt auch als Entertainer: 2018 war er mit 25 Jahren der jüngste Moderator des Deutschen Filmpreises – und überraschte dort nicht nur mit Tanzeinlagen, sondern auch mit politischen Statements.

Du hast schon einen Nazi, Schläger, IS-Kämpfer und Entführer gespielt: Liebst du die extremen Rollen?
In erster Linie spiele ich Menschen und die sind selten nur gut oder böse. Und ich selbst kann ja nur aus Angebot und Nachfrage wählen. Viele sehen bei mir erst mal eine Körperlichkeit. Meine Rollen sind aber nie eindimensional. Die haben alle einen Kampf, den sie in sich austragen, das finde ich spannend. Im Kopf der Leute prägt sich aber immer nur das Dramatische und Laute ein. Mir würde auch eine zurückhaltende Rolle Spaß machen, wenn sie einen inneren Kampf hat.

In deiner neuen Serie Skylines spielst du den jungen Musikproduzenten Jinn. Welchen Kampf trägt denn diese Figur aus?
Jinn ist jemand, der sich voll auf sein Talent fokussiert. Als er ein Angebot von einem großen Musiklabel bekommt, hat er mit moralischen und ethischen Herausforderungen zu kämpfen. Die Welten der Musik, des Finanzwesens und der organisierten Kriminalität prallen dort mit voller Wucht aufeinander und Jinn kann sich dem kaum entziehen. Er ist ein Typ, der über Leichen geht für seinen Erfolg und sich das so zurechtbiegt, dass es für ihn passt.

Wenn man den Plot der Serie hört, denkt man unwillkürlich an Berlin. Die Serie spielt aber in Frankfurt.
Ach, Berlin ist doch auserzählt! Es gibt hier kaum einen Ort, den ich filmisch noch nicht gesehen habe. Frankfurt hat etwas, was Berlin und auch sonst keine andere deutsche Stadt hat: die Skyline, die Börse und das Herz des Straßenraps. In Frankfurt geht es immer ums Geschäft. Hoch oben in den Türmen wird viel Geld hin und hergeschoben – und unten, im Schatten dieser Bankentürme, wird gedealt und Prostituierte verdienen hier ihr Geld.

Drogen, Gewalt und laute Rap-Musik: Glaubst du, die Serie ist einem breiten Publikum zugänglich?
Ich glaube doch, denn übergeordnet geht es ja um etwas ganz anderes. Es geht um Loyalität und Freundschaft. Die Serie zeigt, was passieren kann, wenn man kein Rückgrat hat, wenn man für sein egomanes Ziel über Leichen geht und wenn die Gier nach Macht und Materiellem dicker ist als Blut. Ich glaube, damit kann sich jeder Zuschauer identifizieren.

Hörst du auch privat Rap?
Aktuell kann man sich dem Deutschrap nicht entziehen, weil es gerade die profitabelste Jugendkultur ist. Die Deutschrapper sind Stars in Deutschland, auch die in der Serie sind hier teilweise erfolgreicher als Beyoncé und Justin Bieber. Es gibt Musik, Melodien und Beats, die mir total gefallen. Wenn ich mich aber kritisch mit den Texten auseinandersetze, habe ich oft Probleme. Es dreht sich fast alles um Macht, Potenz und um ein gewisses Image, das verkauft werden muss. Das Zielpublikum, das noch sehr jung und auf der Suche nach Vorbildern ist, findet die Jungs cool, hört sich das an, wie die Jungs Drogen und Co. verherrlichen. Da habe ich ein Problem mit. Ich würde manchmal gerne Drogen mit Abitur oder so austauschen und mir mehr Verantwortungsbewusstsein wünschen. Rappt doch mal was, was ihr euren eigenen Kindern raten würdet! Aber dann wären sie sicher nicht so erfolgreich.

Du hast einmal gesagt, dass der Beruf dich ausgesucht hat. Was meinst du genau damit?
Das ist ein Künstlerberuf, dessen größte Antriebskraft die Leidenschaft ist. Wenn das jemals notgedrungen wäre, würde ich jetzt hier nicht sitzen. Wenn mich jemand fragt, warum ich Schauspieler geworden bin, dann habe ich keine Antwort, weil es immer schon da war. Ich brenne für diesen Beruf!

Schon als Dreijähriger hast du Menschen imitiert. Hat das deine Familie nicht wahnsinnig genervt?
Total. Vor allem meine Familie in der Heimat in Bosnien, das waren meine ersten Opfer. Sie hatten damals immer Angst, dass ich sie nachmache. Rückblickend finde ich das spannend: weil es immer hieß: „Ruhe, Edin, nicht so laut!“ Aber genau das ist es, was man als Schauspieler braucht. Und so habe ich das erste Casting damals bekommen als 13-Jähriger, im Berliner Ensemble, da saß ich inmitten von 20 Jungs, die sich geschämt haben, und es hieß die ganze Zeit: „Lauter, lauter, lauter!“ Da dachte ich, wenn das hier das Einzige ist, worauf sie warten, dann bin ich jetzt einfach lauter. Ich habe den Text lauter gesprochen als alle anderen und hatte die Rolle.

Als es losging mit deinem Theaterengagement und dem Kriminaldauerdienst, warst du noch in der Schule. Gab es da Neid unter den Mitschülern?
Die Mitschüler waren nicht das Problem, sondern die Lehrer. Die hatten mich richtig auf dem Kieker. Wenn ich quatschte, hieß es: „Edin, wir sind hier nicht beim Film“. Wenn ich sonntags im Tatort zu sehen war und montags Englisch hatte, dann war klar, dass ich einen blöden Spruch abkriege. Aber ich bin den Lehrern und meiner Schule in Prenzl'berg dankbar, weil sie mir ermöglicht haben, neben der Schule zu drehen.

Dann war also von Anfang an klar, dass du nach der Schule als Schauspieler weiter arbeitest?
Nein, überhaupt nicht. Für meine Familie war das bis zum Abitur ein Hobby und danach hieß es: Was studierst du jetzt? Bei mir ging es dann aber gerade erst los. Ich habe meine erste Kinohauptrolle bekommen und eine Lola-Nominierung, es ging mit ersten Preisen los. Drei Jahre an der Uni zu sitzen wäre keine Option gewesen. Aber meine Oma fragt mich bis heute: Wann hörst du denn mal auf damit und machst was Richtiges? (lacht)

Der Nachwuchspreises der Goldenen Kamera war dann für dich der Wendepunkt der Karriere.
Es gibt so ein paar Momente im Leben, wo man merkt, dass danach alles in einem anderen Tempo passiert. Die Goldene Kamera war genau so einer. Danach ist unglaublich viel in unglaublich kurzer Zeit passiert. Aber dieses Hochgefühl hielt bei mir nur eine Woche. Bis dahin hatte ich mir ein Kartenhaus aufgebaut. Und dann kam ein Casting, und ich stand wieder mit denselben Komplexen und Unsicherheiten da.

Ist diese Unsicherheit immer noch da?
Aber hallo! Es könnte mir jetzt keiner unterschreiben: Edin, du wirst die nächsten fünf Jahre arbeiten. Aber das macht auch den Reiz des Jobs aus, dass man abhängig ist.

Du hast deine Dankesrede und später auch die Moderation des Deutschen Filmpreises genutzt, um ein klares Zeichen gegen Fremdenhass zu setzen.
Das finde ich äußerst wichtig: Rückgrat zu beweisen und Haltung. Das war eine der ersten Sachen, die ich als junger Schauspieler realisiert habe, als ich geschaut habe, was machen die anderen so. Da gibt es ein Interview von Matthias Schweighöfer, wo er sagt: Schauspieler müssen was zu sagen haben. Ich habe das damals nicht verstanden. Ich dachte: Wie, ich habe doch Text, was soll ich da zu sagen haben? Inzwischen begreife ich natürlich, was er meint. Ich finde es total wichtig, mich in diesen Zeiten politisch zu äußern. Ich habe auch das Glück, dass ich aus meiner eigenen Geschichte erzählen kann. Das hat dadurch einen ganz anderen, authentischen Aspekt. Wenn ich nur über Dinge erzähle, kann ich die Leute niemals so berühren. Und deswegen benutze ich das, was mir passiert ist, um Leute zu erreichen, die man sonst nicht erreicht.
 
In den Sozialen Netzwerken machst du dich aber eher rar.
Ich habe einfach nicht das Bedürfnis, immer das Handy rauszuholen und alles zu dokumentieren. Das langweilt mich. Und ich verstehe meinen Job auch anders. Ich möchte ein leeres Gefäß sein, in das die Leute reinprojizieren können, was sie wollen. Ich will, dass sie mir jede Rolle abkaufen, jede Religion, jeden Berufsstand. Daher gebe ich nicht zu viel von mir preis. In einer Traumwelt würde ich nie Interviews geben. (lacht)

Aber so ganz ohne Social Media geht es heutzutage auch nicht, oder?
Nein, denn das gehört leider inzwischen dazu. Aber ich verstehe nicht, warum viele Künstler das nicht anders nutzen. Man muss sich das nur mal vorstellen, wie das wäre, wenn alle Leute vor einem stünden, die einem virtuell folgen! Wären es z.B. 400.000, wäre das doch ziemlich überwältigend! Ich habe jetzt die Chance, viele junge Leute anzustecken, anzufeuern und ihnen zu helfen, auf die richtige Bahn zu kommen. Ich sehe das als Verantwortung. Da kann ich mich nicht nur hinsetzen und sagen: Heute trage ich diesen oder jenen Designer und so sieht heute mein Essen aus.

Ist es besonders in dieser Branche schwer, authentisch und echt zu bleiben?
Es ist sehr leicht, den Fokus zu verlieren, wenn alles um dich rum so abgeht. In meinem Job geht es viel um Bewertung von außen. Dass man da bei sich bleibt, sollte die Prämisse sein, wenn man den Job ernst nimmt. Denn wenn ich den Job nur mache, um berühmt zu sein, dann spürst der Zuschauer das. Wenn du nicht brennst, dann lass es.

Kürzlich hast du vor Millionen-Publikum sehr authentisch einen Berliner Busfahrer imitiert. Floss da viel Erfahrung mit rein?
Als Schüler bin ich viel mit der BVG gefahren. Heute nicht mehr so. Ab und zu fahre ich ganz bewusst mit dem Bus, um runterzukommen. Da muss ich mich nicht, wie sonst, auf den Verkehr konzentrieren, sondern kann ganz in Ruhe die Fahrgäste beobachten und auch mal über die Fahrer lachen. Neulich hatte ich eine Busfahrerin, da kam laut und herzlich zusammen, so richtig Berliner Schnauze. Aber mir ist aufgefallen, dass die Busfahrer in den letzten Jahren immer freundlicher werden. Auch das gefällt mir.

Du hast nicht nur komödiantisches Talent, sondern kannst auch gut singen und tanzen. Werden wir dich öfter in solchen Rollen erleben?
Ich bieg ja immer wieder ab. Moderationen mache ich immer dann, wenn sie im Kontext von Film sind. Ich habe den First Steps Award moderiert, den Nachwuchspreis und die Lola, den Deutschen Filmpreis. Vielleicht kommt da im nächsten Jahr noch was dazu (zwinkert). Aber es gibt eine zu große Leidenschaft für den Schauspiel-Beruf. Ich könnte nicht auf der Bühne stehen und moderieren und dafür mal vier Jahre nicht spielen. Dafür brenne ich zu sehr für den Beruf.

2018 war dein bislang erfolgreichstes Jahr, aber gleichzeitig auch dein schwerstes.
Ja, das letzte Jahr war heftig, weil ich so viel gearbeitet habe. Bis zum September habe ich ohne Pause durchgedreht. Ich war richtig ausgebrannt und brauchte Urlaub. Gleich am dritten Tag sind ein Freund und ich mit einem Golfbuggy verunglückt. Wir haben uns überschlagen und sind in die Tiefe gestürzt. Wie ich das überlebt habe, weiß ich nicht. Dann saß ich da plötzlich drei Wochen im Rollstuhl, ich konnte mich nicht bewegen, konnte nicht zurückreisen. Da war ich ja schon am Boden gewesen und dann kam auch noch das dazu. Darin einen Sinn zu sehen, war in diesem Moment wirklich schwer, weil sich das nur nach Bestrafung angefühlt hat.

Was hast du aus dieser Erfahrung Positives mitgenommen?
Das letzte Jahr war das wichtigste meiner beruflichen Laufbahn. Ich weiß jetzt: Wenn ich so weiterarbeite wie letztes Jahr, mache ich den Job nicht mehr lange. Ich nehme mir jetzt die Zeit zu reflektieren, nachzuarbeiten. Was lief gut, was lief schlecht? Wo hab ich mich gut vorbereitet, wo hab ich mich ausgeruht? Natürlich wirst du dann, wenn du nicht aufpasst, faul. Sich auf dem Lob der anderen auszuruhen, ist total gefährlich. Ich selbst bin mein größter Kritiker. Ich merke aber, ich komme gerade in meine Kraft. Ich bin wie ein Pferd, das noch dieses Jahr im Stall gehalten wird, und nächstes Jahr sagt: „Gute Nacht Leute, nehmt euch in Acht!“ (lacht)

Interview: Theresa Henning